Der Viktoriabarsch (frz. perche de nil) wäre – seinem ursprünglichen Vorkommen entsprechend – korrekterweise als Nilbarsch zu bezeichnen.
Denn 1962 – eine weitere Spielart des Neo-Kolonialismus? – setzte ein britischer Kolonialbeamter bei Entebbe 35 bis zu siebzig Kilogramm schwer werdende Nilbarsche im Victoria-See aus, weitere Aussetzungen folgten. Ziel war es, die Fischerei bei der einheimischen Bevölkerung anzukurbeln.
»Dies gelang auch und der Nilbarsch wird heute auch als mkombozi bezeichnet, der Erlöser. Für viele Fischbiologen und Ökologen ist das Experiment jedoch ein Drama, das seinesgleichen sucht. Innerhalb von wenigen Jahren hatte der ausgesetzte Raubfisch beinahe die ganze endemische Buntbarschpopulation aufgefressen. Dem ölologischen Malheur droht nun ein nächstes zu folgen. Kritiker warnen, dass das nur noch auf wenigen Säulen ruhende Ökosystem des Viktoriasees durch die starke und andauernde Überfischung vollends zusammenbricht. Es sei bald mit der Nilbarschpopulation zu Ende und unterdessen ist auch die eingeschleppte südamerikanische Wasserhyazinthe Eichhornia daran den See zu überwuchern.« – so der Berliner Diplom-Biologe und Wissenschaftspublizist Bernhard Kegel in einem Vortrag aus dem Jahre 2001.
Doch zum Kulinarischen – auch wenn das ohne weiteres nicht unbedingt möglich ist.
In zahlreichen Fabriken – sie enstprechen übrigens nicht nur den EU-Lebensmittelstandards, sondern tragen sogar EU-Registrierungsnummern – werden die Fische verarbeitet bzw. filetiert und für den Export vor allem nach Benelux, Deutschland, Frankreich und den USA vorbereitet bzw. schockgefrostet. Nach dem Transport über teilweise mehrere Hundert Kilometer Wüstenpisten zu den Flughäfen gelangen Fische und Filets in die Bestimmungsländer. Greenpeace merkt – wie stets überaus political correct – an, dass auf dem Weg von Nairobi nach Frankfurt, einer der Hauptumschlagplätze in Europa, pro Kilogramm Filet zwei Liter Kerosin verbraucht werden.
Wohl weniger aufgrund seines hohen Gehalts an Omega-3-Fettsäuren, sondern eher aufgrund seines günstigen Preises überschwemmt der Viktoriabarsch die europäischen Fischmärkte mittlerweile fast ähnlich stark wie der Zuchtlachs.
100 gr. Viktoriabarsch enthalten 93 kcal (389 kJ), 19,1 gr. Eiweiß und 1,8 gr. Fett.

Der globalisierte Barsch
Am Ursprung stand ein Experiment, am Ende ein Erfolg für die Globalisierung. In den 60er-Jahren wurde der Nilbarsch im afrikanischen Viktoriasee ausgesetzt. Der Raubfisch, anpassungsfähiger als seine Artgenossen, behauptete sich in seiner neuen Umgebung nicht nur, er zerstörte das natürliche Gleichgewicht des Sees, da er sich von anderen Spezien ernährte. Unternommen wurde dagegen nichts – aus wirtschaftlichen Gründen: Der Fisch entwickelte sich zum lukrativen Exportschlager.
Hubert Saupers Dokumentarfilm Darwin’s Nightmare führt zum Ursprungsort jener Delikatesse, die mittlerweile bereits Viktoriabarsch genannt wird. In Mwanza, einer Stadt in Tansania, ist alles auf das Geschäft mit dem Fisch ausgerichtet: Regelmäßig starten von hier Flugzeuge, um die begehrten Filets tonnenweise in europäische Industrieländer zu fliegen. Sauper sucht in nüchternem Tonfall nach den Folgen der einseitig ausgerichteten Ökonomie. Nicht der Erfolgsgeschichte, die nur die allerwenigsten der Einheimischen betrifft, gilt sein Interesse, sondern jenen, die nach Mwanza kommen, um hier ein wenig mitzuprofitieren: Prostituierte, die ihre Dienste an die ausländischen Piloten verkaufen; Straßenkinder, die sich von den madenzerfressenen Überresten des Barsches ernähren.
Darwin’s Nightmare breitet sukzessive das Getto aus, das rund um die einträgliche Fischproduktion immer größer wird, und er erzählt vom Mangel an zivilen Strukturen: Ein mit Pfeil und Bogen bewaffneter Nachtwächter wäre jederzeit bereit, zu töten – den Krieg seien die Menschen hier ohnehin gewöhnt. Sauper setzt derart die unterschiedlichsten Ebenen – von ökonomischen Ausbeutungsverhältnissen bis zur sozialen Verwahrlosung – stimmig zueinander in Beziehung.
Die Frage, die den Film in Bewegung hält, lautet jedoch, ob die Flugzeuge aus dem Norden bereits mit Ladung in Tansania landen. Die russischen Piloten und andere in den Handel Involvierte weichen der Antwort immer wieder aus, bis es einer von ihnen tatsächlich ausspricht (und den schrecklichen Verdacht bestätigt): Der Viktoriabarsch wird mit Waffen abgegolten.
Nachschlag:
Darwins Albtraum – Journalist in Tansania verhaftet
Die Regierung von Tansania geht gegen die Mitwirkenden an der Dokumentation »Darwin’s Nightmare« von Hubert Sauper vor. Das berichtete der österreichische Filmemacher der Nachrichtenagentur APA. Der Journalist Richard Mgamba sei verhaftet worden, ein weiterer Mitwirkender unter Hausarrest gestellt worden. »Per Parlamentsbeschluß wurde erklärt, daß alle Mitwirkenden als Staatsfeinde bestraft werden«, sagte der in Paris lebende Regisseur der Dokumentation, die weltweit für Aufsehen gesorgt hat und auch im Deutschen Fernsehen lief. Mgamba sei mittlerweile gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt worden, ihm drohe unter anderem die Abschiebung nach Kenia. Der Journalist, der über Waffenhandel geschrieben habe, und der unter Hausarrest gestellte Nachtwächter Raphael Tukiko hätten ihn telefonisch um Hilfe gebeten. Tukiko und anderen Mitwirkenden drohe die Verhaftung, sagte Sauper. In Daressalaam sei das Büro eines Filmproduzenten, der ihm bei den Drehgenehmigungen geholfen habe, durchsucht worden. »Die Regierung behauptet, daß der Film das Image des Landes schädigt und der Fischhandel dadurch eingebrochen ist, was nicht stimmt«, erklärte der Filmemacher Sauper. Nachdem auch die Medien negativ darüber berichtet hätten, habe die Polizei die Bevölkerung der stark vom Fischfang abhängigen Stadt Mwanza zu einer Demonstration gegen Mgamba aufgewiegelt, »in der die Leute sein Blut gefordert haben. Die Regierung soll wissen, daß diese skandalösen Praktiken sehr wohl international beobachtet werden.« Der Film »Darwin’s Nightmare« handelt von der Zerstörung der Lebensgrundlagen der Anwohner des Viktoriasees durch die Ansiedlung des international vermarkteten Viktoria-Barschs, der die bis dato heimischen Fischarten beinahe vollständig verdrängt hat.


Das Fisch-Lexikon der »Deutsche See«