Schriftgröße

Karpfen

Spiegelkarpfen
 

Die Urform des Karpfens (frz. carpe – it. carpa) hat einen kräftigen, walzenförmigen Körper und eine lange Rückenflosse, die Afterflosse hingegen ist kurz. Um das Maul stehen vier fleischige Bartfäden. Kreuzungen zwischen Karpfen und Karausche haben meist nur zwei Barteln. Nach ihr jedoch werden Angler in europäischen Seeen, Teichen und Flüssen vergebens Ausschau halten.

Ist doch hinsichtlich der Kreuzungen der Karpfen das ichythologische Musterexemplar für die Mendelsche Lehre! Auch wenn auf dem Tisch zumeist der Spiegelkarpfen mit nur einer Schuppenreihe zwischen Kopf und Schwanz landet: Schuppenkarpfen, Lederkarpfen, der langgestreckte China- oder Graskarpfen und andere Variationen mehr zeugen von der bewegten Geschichte dieses Fisches.

War und ist doch gerade dieser Fisch – man denke nur an den Weihnachts-Karpfen – auf das Engste verwoben mit der christlichen Mythologie. Was heißt: Während der Fastenzeit durfte kein Fleisch verzehrt werden, die Speisen generell sollten den Tellerrand nicht überragen.

Doch waren die Mönche des Mittelalters durchaus erfinderisch. Dass der Karpfen in China seit Jahrtausenden gezüchtet, von den Römern im Teichen gehältert wurde, war auch ihnen nicht entgangen. Und Regeln – dies gilt auch für Kanoniker – bedürfen der Interpretation.

Aus diesen Gründen wurde von ihnen der Karpfen als Fastenspeise in Teichen gehalten und abgefischt. Nur: So ein eher langgestrecktes Viech, das den Tellerand nicht überragt – Kopf ab, Schwanz ab – ist nicht gerade sättigend.

Somit kam irgendeinem Kuttenträger die glorreiche Idee, ein eher gedrungenes Weibchen mit einem ebenfalls untersetzten Männchen zusammen zu bringen. Dies über mehrere Generationen praktiziert führte letztendlich zu dem, was wir heute als Karpfen kennen. Und da der Mönch an sich – ora hin, labora her – Genießer war und ist, der – ich wiederhole mich – Regeln hin, Regeln her, zur Bequemlichkeit neigt, nahm er sich auch noch die Schuppen vor bzw. reduzierte sie durch zusätzliche Kreuzungen. Das also ist – in wenigen Worten – die Geschichte jenes Fisches, der uns als gemeiner Karpfen bekannt ist.

Ich kann ihm freilich wenig abgewinnen. Was weder mit meiner Einstellung zum Überirdischen noch mit jener zur Askese zu tun hat. Vielmehr mit des Karpfens ypsilonförmigen Gräten, die tief ins Filet ragen und welche ob der widerspenstigen Form bei frischen Tieren kaum mit der Pinzette zu ziehen sind. Nun mag man einwenden, ein V-förmiger Schnitt soge hier für schnelle Abhilfe. Doch meine Aversion beruht in erster Linie mit dessen Lebensweise: Zumeist nämlich haften dem Karpfen ihm Schlammgeruch und ein leicht moderiger Geschmack an.

Zwar heißt es, dieser könne durch ein- bis zweitägiges Hältern in klarem Wasser beseitigt werden. Indes: Wer befördert schon den Weihnachts-, Silvester- oder Wochenend-Karpfen zappelnd nach Haus (zudem ist der Verkauf lebender Fische vom Tierschutzgesetz untersagt), um ihm dort eine Kur in der Badewanne zu gönnen? Auch wenn er – anders als Barsch und Zander – kein Anti-Schuppen-Shampoo benötigt …

Kontakt
top