Allmählich scheint sich, insbesondere bei den Gemüsen, eine Renaissance alt angestammter Sorten abzuzeichnen. Die Vielfalt des Angebotes wächst, oftmals begegnet man auf den Märkten Pflanzen, die man zuvor nie sah, deren Namen fremd sind. Sicher hat dies weniger mit Nostalgie oder rückwärts gewandtem Traditionalismus zu tun, sondern hängt eher mit dem immer gleichförmiger werdenden Geschmack der Standard-Produkte und damit mit einem wachsenden Qualitätsbewusstsein der Konsumenten zusammen.
Noch vor wenigen Jahren zählten Rauke (als vermeintlich italienisches Original namens »Rucola« in Windeseile zu gewaltiger Popularität gelangt) und Mangold dazu, binnen kurzer Zeit waren sie im Wortsinne in aller Munde. Andere – wie Portulak, Trotzkopf, Schnabel – um drei recht unbekannte, jedoch überaus delikate Salate zu nennen – sind gerade erst dabei, Eisbergsalat und ähnlich faden Züchtungen Paroli zu bieten.
Nach Teltower- und Steckrüben wird man vielerorts ebenso vergebens Ausschau halten wie nach Pastinaken, Topinambur und Dicken Bohnen, obgleich auch ihre Wiederbelebung längst durch die gehobene Küche eingeleitet wurde. Aber wie heißt es doch gleich in einem trefflichen bon mot: »Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht« – und, um die ökonomische Dimension mit einzubeziehen, was er nicht gewinnbringend verkaufen kann, baut er erst gar nicht an. Es sei denn, Subventionen treten an die Stelle der Marktwirtschaft, deren angeblich ehernes Gesetz von Angebot und Nachfrage sich trotz der zahlreichen Lebensmittelskandale sich bedauerlicherweise (noch?) nicht umgekehrt hat.
Solange also die alten Sorten sich nicht verstärkter Nachfrage erfreuen, werden sie weiterhin eine Nischenexistenz führen. Denn die Produzenten ziehen Züchtungen vor, die bei geringem Aufwand große Erträge abwerfen. Und der Handel baut weiterhin auf wenig verderbliche Ware, die nicht nur saisonal, sondern möglichst während des gesamten Jahres zu haben ist. – Qualität führt dann freilich weiterhin ein recht bescheidenes Schattendasein.
Somit hat, was Wolfram Siebeck polemisch bereits im »ZEIT Magazin« vom 4. Oktober 1996 bezüglich der Teltower Rübchen anmerkt, generell für die vergessenen Arten Geltung: »Bei der Suche nach unserer Identität haben wir sie zusammen mit Saumagen, Saubohnen und Sauwetter unter 'Heimweh' abgelegt. … In keiner Küche, das muß ich leider sagen, haben sie es zu mehr gebracht als zu jenem Arme-Leute-Chic, auf den sich Sozialromantiker berufen, wenn sie in der Toskana eine Brotsuppe schlabbern. … Und wie immer bei Produkten von niedriger Herkunft (wie Makrele, Eisbein, Kutteln, Kohlrabi, Schwarzwurzeln, Linsen etc.), macht sich niemand die Mühe, das Aschenputtel in eine Dame zu verwandeln. Ganz selten findet ein ehrgeiziger Koch eine Möglichkeit, sie bei seinen Gourmet-Menüs einzubauen. Dem verstorbenen Alain Chapel ist dies mit den navets geglückt, als er sie in Rotwein dünstete (wodurch sie die kränklich-weiße Farbe verlieren) und dann karamelisierte (was ihnen ihre Muffigkeit austreibt).«
Grund genug, an dieser Stelle wenigstens einige der verwunschenen Prinzessinnen, die sehnlichst darauf warten, wachgeküsst zu werden, vorzustellen.


